Die Dominikaner in Hamburg
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Prediger 2008

 

 

 

 


Rudolf Stertenbrink OP
Geistlicher Schriftsteller

P. Rudolf Stertenbrink OP

 

Pater Rudolf ist Ange-
höriger des Hamburger
Dominikanerkonventes
und als geistlicher Schrift-
steller überwiegend für den Herder-Verlag tätig.
Hier hat er über zwei Dutzend Werke verlegt.
Er gilt als ausgewiesener Kenner 'der beiden Theresas', Thérèse von Lisieux und Teresia Benedicta a Cruce (Edith Stein).
 
SchriftgrößeBEGEGNUNG MIT THÈRÈSE VON LISIEUX
DU TRÄGST DAS ALL UND DENKST AN MICH

Die Spiritualität des Kleinen Weges der heiligen Thérèse (Theresia) von Lisieux.

Inhalt

I. Die eigentümliche Wegführung Gottes
   im Leben der heiligen Theresia von Lisieux

    Ein unscheinbarer Mensch in einer kleinen Stadt
    »Im Kleinsten das Größte«

II. Das Charakteristische am »Kleinen Weg«
     »Du trägst das All!«
     »Du denkst an mich!«
     Immer mehr Kind werden
     Rückhaltloses Vertrauen in das »Alles« Gottes
     Jesus Christus ist der Weg
     Wahre Größe wird immer erkämpft
     Das Gebet, die wichtigste Waffe

III. Die »Lehre vom Kleinen Weg« in der Feuerprobe des Leides
       In der Nacht des Nichts
       Zu Höhe gelangt
       Ihr Leben - ihre Lehre

Abkürzungen

 

I. Die eigentümliche Wegführung Gottes
   im Leben der heiligen Theresia von Lisieux

Was unserem Leben immer wieder eine gewisse Brisanz gibt, sind jene unvorhersehbaren Situaionen, die uns die Augen für eine bislang verborgene Wahrheit öffnen. Nachdrücklich fragen wir uns: »Wer hätte das gedacht?«

So ergeht es uns vor allem im Umgang mit Menschen, die wir zu kennen glauben. Es gibt beispielsweise Leute, die uns aufgrund ihrer äußeren Erscheinungsweise sympathisch waren. Daher beschäftigen wir uns mit ihnen. Und je mehr wir es taten, um so deutlicher mussten wir feststellen, wie sich hinter ihrem Äußeren ein innerer Hohlraum verbarg. Enttäuscht fragt man sich: »Wer hätte das gedacht?« (vgl. hierzu MsA, 55v/56r).

Es gibt aber auch das Gegenteil: Menschen, die wir für unbedeutend hielten, die dann aber einen verborgenen Reichtum offenbarten, der uns zum Stauen brachte. Auf einmal ging uns auf: »Vieles glänzt nicht und ist trotzdem Gold.» Nachdenklich fragen wir auch hier: »Wer hätte das gedacht?«

Ein solcher Mensch, der nicht verliert, sondern gewinnt, je intensiver man sich mit ihm befasst, ist Theresia von Lisieux. In ihrem Leben zeigt sich, wie sich alles bis zum Unglaublichen hin ändern kann, wenn man sich Gott öffnet, sich von seiner Liebe durchdringen und führen lässt. Dies ein wenig sichtbarer zu machen, ist mein Anliegen in dieser Stunde. Schauen wir also näher zu.

 

Ein unscheinbarer Mensch in einer kleinen Stadt

Lisieux, ein altertümliches, etwas melancholisches Städtchen in der Normandie mit ehemals vielen spitzgiebeligen Fachwerkhäusern, damals mit seinen etwas über 15 000 Einwohnern nicht sonderlich bekannt, bis es dann in aller Welt in Erscheinung trat und nach Lourdes zum zweitgrößten Wallfahrtsort von Frankreich wurde. Was ist es gewesen, das dieses Städtchen zu einem solchen Anziehungspunkt werden ließ?

Am 2. Januar 1873 wurde in Alençon, 98 Kilometer südlich von Lisieux, als neuntes Kind einer Familie mit dem Allerweltsnamen »Martin« ein Mädchen namens Theresia geboren. Der Vater war Uhrmacher und hatte ein Juweliergeschäft, die Mutter eine Spitzenfabrikation.

Als Therese fünf Jahre alt war, starb die Mutter an Brustkrebs. Bald darauf zog der Vater mit seinen fünf Töchtern - zwei Jungen und zwei Mädchen waren frühzeitig verstorben - nach Lisieux, das dann in Verbindung mit Theresa zu Ruhm und Ansehen kommen sollte. -

Ein unscheinbarer Mensch ist es also, der einer kleinen Stad weltweites Ansehen verschafft. Wer hätte das gedacht?

Theresia erhielt keine abgeschlossene Schulbildung. Zunächst wurde sie von ihrer älteren Schwester Pauline, die zu ihrer zweiten Mutter geworden war, unterrichtet. Mit neun Jahren besuchte sie für fünf Jahre als Halbtagsschülerin die Schule der Benediktinerinnen zu Lisieux, die sie wieder verließ, um von einer älteren Dame unterwiesen zu werden.

Obwohl sie weder eine ausreichende Schulbildung noch theologische Kenntnisse besaß, hat sie der Theologie neue Impulse gegeben. Namhafteste Theologen beschäftigten und beschäftigen sich mit ihr.

Man überdenke in diesem Zusammenhang auch ein Wort ihrer leiblichen Schwester Céline, die nach dem Tod des Vaters ebenfalls in den Karmel eingetreten war:

Ihre Zurückhaltung war so groß, dass sogar die Verwandten sie für unbedeutend hielten und meinten, 'da sie zu jung ins Kloster gegangen sei, werde sich ihr ganzes Leben lang ein Bildungsmangel bemerkbar machen' (CS132).

Die Dreizehnjährige fühlte sich völlig vereinsamt und verlassen. Mit niemandem war sie sonderlich befreundet. - Heute hat sie in aller Welt viele Freunde.

Mit 15 Jahren wollte sie ins Kloster gehen, in den Karmel von Lisieux, wo bereits ihre beiden älteren Schwestern Marie und Pauline eingetreten waren. Aber man verweigerte es ihr wegen ihres jugendlichen Alters.

Deshalb sprach sie beim Bischof vor, ohne dort mehr zu erreichen. Wenige Tage später nahm sie an einer Pilgerfahrt nach Rom teil und sprach bei einer Audienz den Papst (Leo XIII.) an: »Heiligster Vater, erlauben Sie mir, zu Ehren Ihres Jubiläums, mit 15 Jahren in den Karmel einzutreten.«

Der Generalvikar Révérony (seit 1878 an der Seite des Bischofs Hugonin), dem das Ansinnen des Mädchens bekannt war und deshalb den Pilgern vor der Audienz verboten hatte, den Papst anzusprechen, fiel ihr ins Wort und erklärte dem Papst: »Heiligster Vater, es ist ein Kind, das mit 15 Jahren in den Karmel eintreten möchte. Die Oberen prüfen gegenwärtig die Angelegenheit.«

Diese Szene endete schließlich mit dem Hinweis des Papstes an Theresia: »Sie werden eintreten, wenn der liebe Gott es will ...« Danach holten zwei Gardisten sie mit Gewalt von den Füßen des Papstes weg, wobei Abbé Révèrony ihnen half (vgl. MsA, 63r/63v). -

Die auf diese Weise Abgewiesene wurde nur 36 Jahre später im überfüllten Petersdom selig- und nach zwei weiteren Jahren heiliggesprochen.

 

Lesen Sie weiter,
wie aus der unscheinbaren »kleinen« Theresia eine »Große« der Kirche wurde.

 

 

 
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