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Die Naziverbrechen sind oft Thema moralischer Belehrung, Ziel einer Betroffenheitsrhetorik, die, indem sie das Grauen beschwört, zugleich an seinem Vergessenwerden arbeitet oder doch zumindest daran, dass man gar nicht mehr hinhört.

Wie kann der 9./10. November 1938 erinnert werden, ohne dass diese Erinnerung sich gleichsam selbst in den Rücken fällt und an ihrer eigenen Auslöschung arbeitet?

Welche Pädagogik könnte ihm an die Seite treten, damit dieses Datum nicht wie jedes andere irgendwann abgehakt ist, sondern weiterhin schmerzt? Aber warum soll es überhaupt bleibend schmerzen und nicht irgendwann, wie alle anderen Menschheitskatastrophen, in den Hafen des großen, alles verschlingenden Menschheitsgedächtnisses einmünden, ohne uns noch weiter zu beschweren? Haben wir Spätergeborenen nicht ein Recht darauf?

Die Erinnerung lässt sich phänomenologisch genauer begreifen, wenn man sie in der alltäglichen Erfahrung der Zeit verankert und ihr so von vornherein das nimmt, was bei Erinnerung oder Gedächtnis fast immer mitgemeint ist: das Moment der Nachträglichkeit, Aufgesetztheit oder verspäteten Belehrung.


Zeit als Schnitt

Mit dem Philosophen Hans Michael Baumgartner (Zeitbegriff und Zeiterfahrung, Freiburg/Brsg./München 1994, 189-211) kann vermutet werden, dass der Ursprung der menschlichen Zeiterfahrung primär in der „Erfahrung von Negativität oder im Erleiden eines Verlustes“ liegt.

Die Zeit, etymologisch „zit“, Schnitt, trägt selbst sozusagen Trauer. Zeit ist „Vergängnis“ (Theodor W. Adorno).

Sie ist nicht irgendetwas Abstraktes und Anonymes, sondern ist ein „Riss im Ablauf des Lebens“, als „zit“/Zeit geht sie mit dem Zusammenbruch einer Kontinuität einher: Mit der Erinnerung, dass etwas unwiederbringlich verloren gegangen, d.h. vergangen ist, also tot.

 
Paul Dominikus Hellmeier OPfr. P. Dr. Tiemo Rainer Peters OP ist Hamburger und gehört unserem Konvent an.
Seit über 30 Jahren lehrt er als Akademischer Rat an der Katholisch-
Theologischen Fakultät der Universität Münster.
Veröffentlichungen auf dieser Homepage

Das gilt besonders für den Verlust geliebter Menschen .Doch schon bei jedem Jahreswechsel schleicht sich Melancholie ein: Dieses Jahr, das nun zu Ende geht, – im Grunde jeder Augenblick! - wird niemals wiederkommen. „Und jede Bewegung / zum ersten und letzten Mal“ (Walter Helmut Fritz: Die Zuverlässigkeit der Unruhe, Hamburg 1966, 43).


Gedächtnis in Tätigkeit

Nach Johann Wolfgang von Goethe sieht man nur, was man schon kennt. Der französische Philosoph Paul Valéry (1871-1945) hat etwas Ähnliches gemeint, wenn er sagt, dass „das Verständnis ein Gedächtnis in Tätigkeit“, das Gedächtnis somit „der Grundstoff jeden Denkens" sei (Zur Theorie der Dichtkunst, 92; 159).

Die Vernunft ist gedächtnisgeleitet, noch bevor sie darüber nachdenkt. Aber sie hat darüber nachzudenken, wenn sie vernünftig bleiben will. - Ähnlich verhält es sich für Valéry mit dem sozialen Verstehen. Man muss „die Resultate der Erfahrungen anderer übernehmen und sich erweitern um das, was sie gesehen haben und wir nicht“ (Windstriche, 107).

„Es ist unmöglich, die ‚Wahrheit’ von sich selber zu empfangen“ (Monsieur Teste, 51), wir empfangen sie immer von Anderen, anderen Menschen, anderen Kulturen und Geschichtszeiten.

Man verschmähe nicht die detektivische Intelligenz des englischen Schriftstellers und Religionsphilosophen Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), der aller Traditionsmüdigkeit von heute etwas Atemberaubendes entgegenhält: "Tradition heißt, der dunkelsten aller Klassen das Stimmrecht einzuräumen: unseren Vorfahren.

Es ist die Demokratie der Toten. Die Tradition weigert sich, der kleinen und arroganten Oligarchie derer, die einfach zufällig auf Erden wandeln, sich zu unterwerfen" (Das Abenteuer des Glaubens [1908], Olten 1946, 78f). -

Warum also einer heutigen Zivilisation mit ihren Wellness- und Krafttrainingsbedürfnissen blindlings und gedächtnislos vertrauen und nicht daran denken, dass im Gleichschritt von Politik, Religion und Mehrheitsmeinung – unter der überaus zeitgemäßen Parole „Kraft durch Freude“ - schon einmal gnaden- und gedächtnislos über alles hinweggetrampelt wurde, was die Würde des Menschen ausmacht?


Denk mal nach

Paul Valéry warnt gleichzeitig: „Welch scheußliche Brut wäre eine Menschheit mit unfehlbarem Gedächtnis..., ständiger Geistesgegenwart und immer wachem, kritischem Sinn“ (ebd. 132).

Das Gedächtnis ist also ebenso unverzichtbar, wie es gefährlich sein kann, wenn sich das Denken mit ihm auf die faule Haut legt und nicht mehr denkt, sondern nur noch aufsagt, was andere ihm vorgesprochen haben.

Die Vorstellung, man könne in der Erinnerung Vergangenes bleibend und unangreifbar bewahren, ist trügerisch. Im Akt des Erinnerns wird das Erinnerte ständig verändert. Es wird destabilisiert und modifiziert.

Wir schreiben die Geschichte, indem wir sie memorieren oder erzählen, dauernd um. Deshalb spricht James E. Young (Beschreibung des Holocaust, Frankfurt/M. 1992, 266ff) vom „vergesslichen Denkmal“, das oft mit dem Wesen der Ereignisse, an die es erinnert, verwechselt wird. Es gibt keine Objektivität der Geschichte oder des geschichtlichen Gedächtnisses. - Und doch gab es den 9./10. November 1938 und die Folgen.


„Zeitumkehrung“

Häufig wird der Forderung, sich des Schrecklichen zu erinnern und der Schuld zu gedenken, das griechische Sprichwort entgegengehalten: „Die Zeit heilt alle Wunden“, oder trivialer: „Das ist schon lange her“.

Wer so denkt, hält das Lange-schon-vorbei-sein für die natürlichste Art der Heilung und damit für so etwas wie eine ganz selbstverständliche und von selbst sich vollziehende Ent-Schuldigung: eine Art Entsorgung durch das der Zeit eigene Vergessen- und Vorbeisein.

Jean Améry (1912-1978), der Wiener Schriftsteller und Journalist, hat sich im Blick auf Hitlerdeutschland zeitlebens gegen die These von der wundenheilenden Kraft der Zeit gewehrt.

Zunächst gar nicht einmal im Namen der Opfer, sondern im Namen der Täter und ihrer Nachfahren, die es nicht zulassen dürfen, dass ihnen ein Stück ihrer eigenen Geschichte von der Zeit gleichsam entwendet und im Handumdrehen zum Verschwinden gebracht wird. Améry forderte eine „Zeitumkehrung“: Hitler muss von den Deutschen „zurückgenommen“ werden (Ressentiments, Hamburg 1995, 40)

Amérys Forderung ist paradox und schwer zu verstehen. Die durch Hitler beherrschte deutsche und europäische Geschichtsphase muss nicht nur ernst genommen, sondern soll in die ureigene Verantwortung übernommen werden – wenn man überhaupt noch auf geschichtlicher Identität bestehen und sich politisch-moralisch nicht aufgeben bzw. alles der imaginären Kraft der Zeit überlassen will.

Um Améry zu verstehen, bedarf es einer weiteren Reflexion: über die geschichtliche Verantwortung, die in dem Wort „Hitler zurücknehmen“ über Gebühr strapaziert zu werden scheint. Üblicherweise versteht man „Verantwortung“ als Pflicht und Leistung des moralisch denkenden Subjekts.

Dagegen hatte der Heidelberger Philosoph Georg Picht bereits Ende der 1960er Jahre erkannt, dass die Frage nach der Verantwortung für ein Geschehnis gerade „nicht vom Subjekt und seiner moralischen Entscheidung, sondern von dem Geschehen“ selbst ausgeht (Wahrheit, Vernunft, Verantwortung, Stuttgart 1969, 325).

Durch welches Geschehen wird die Verantwortung ausgelöst? Nicht nur durch ein gegenwärtiges, aktuelles, sondern u.U. auch durch eines, das jetzt noch gar nicht existiert und doch bereits meine Verantwortung verlangt, damit es gar nicht erst geschieht (Stichwort Umwelt). Ebenso können auch vergangene Ereignisse heute noch verpflichten. Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir selber tun, sondern auch für das, was vor uns geschah und nach uns geschehen kann.

Dagegen Martin Walser in seiner umstrittenen Friedenspreisrede (1998): „Ich verschließe mich allen Übeln, an deren Behebung ich nicht mitwirken kann. Ich habe lernen müssen, wegzuschauen. Ich habe mehrere Zufluchtswinkel, in die sich mein Blick sofort flüchtet, wenn mir der Bildschirm die Welt als eine unerträgliche vorführt. Ich finde, meine Reaktion ist verhältnismäßig. Unerträgliches muss ich nicht ertragen können“ (F. Schirrmacher [Hg.]: Die Walser-Bubis-Debatte, Frankfurt/M. 1999, 8).

„Hitler zurücknehmen“ heisst, die nazideutsche Vergangenheit als "negatives Eigentum" in Besitz zu nehmen, damit sie nicht erneut und sozusagen hinterrücks von uns Besitz ergreift; heisst, eine Kultur des "reflektierten Selbstmisstrauens" zu schaffen, damit der dumpfe, unreflektierte Selbstzweifel die Menschen nicht erneut anfällig für alle möglichen Ersatzhandlungen macht.


„Gedenkreligion“

Was über das Denkmal gesagt wurde, betrifft auch den 9./10. November, den Gedenktag der „Reichskristallnacht“. So, wie dieses Datum manchmal in den Medien, in der Öffentlichkeit, in den Schulen und Universitäten behandelt wird, droht es zur bloßen "Gedenkreligion" (Ekkehard Klausa) zu werden.

Das geschieht immer dort, wo Trauer nur politisch inszeniert, bzw. die Erinnerung an das Grauen nur der gesellschaftlichen Pflicht, neudeutsch: der Correctness, oder dem Curriculum geschuldet ist, aber nicht dem ganz persönlichen Schmerz.

Die Voraussetzungen, um die Vergangenheit verantwortlich in Besitz nehmen zu können, liegen nicht allein beim Einzelnen. Sie liegen in der Familie, in der Schule, in der Universität. D.h. sie hängen mit der Frage zusammen, ob es uns möglich ist, bzw. möglich gemacht wird, Erfahrungen mit der eigenen Vergangenheit zu machen und diese im Umgang mit anderen Personen, Nationalitäten und Kul-turen zu überprüfen, also die eigenen Erfahrungen im Sinne von Selbstreflexion zu bewähren und zu verifizieren.

Es geht also nicht um die abstrakte Geschichte, die es in Wirklichkeit gar nicht „gibt“, sondern um die in sie involvierten Subjekte, es geht um die je eigene Existenz. Im Mittelpunkt allen Gedenkens steht daher nicht der Gedenktag, nicht die Gedenkstätte sondern der zum Nachdenken gekommene, der über sich, sein Erbe, sein Eigenstes nachdenklich gewordene und erschrockene Mensch.


Entdecken

Unsere geistigen Wurzeln liegen in der klassischen Bildung, im christlichen Humanismus, in der Mündigkeitstradition der Aufklärung, in der religiösen und nachreligiösen Kultur.

Sie liegen im Buch, im Bild, in der Skulptur, im Tanz, im Theater, auch im Kino. Aber sie „liegen“ dort nicht einfach: Will man über sie verfügen, müssen sie ganz persönlich angeeignet werden.

„Man kann die Weisheit nicht fertig übernehmen, man muss sie selbst entdecken auf einem Weg, den keiner für uns gehen und niemand uns ersparen kann, denn sie besteht in einer bestimmten Sicht der Dinge“ (Marcel Proust).

So wahr es ist, dass unsere Wurzeln in den Traditionen der Religion, Kultur und Wissenschaft liegen: Gleichzeitig liegen sie in der öffentlichen Tat der Bücherverbrennungen 1933, in der Reichspogromnacht des 9. November 1938, kurz: sie liegen in Auschwitz, das durch die großen humanen Traditionen nicht nur nicht verhindert wurde, sondern das sich mit ihnen auf unheimliche Weise verbunden hatte.

Deshalb sprach der Theologe Johann Baptist Metz davon, dass Europa nicht nur in seiner „Oberflächengeschichte“, sondern auch in seiner „Tiefengeschichte“ durch Auschwitz bleibend verletzt ist.


Trauern

Jeder weiß aus Erfahrung, wie das nicht aufgesetzte, nicht inszenierte Leidensgedächtnis arbeitet: allein durch die Empfindung persönlicher Trauer. Gleichzeitig wissen wir, dass nach so langer Zeit die Gefahr gefälschter Gefühle groß ist: Wir sollen zwar erschüttert sein, tun auch so, aber in Wirklichkeit ist niemand mehr getroffen und darum auch nicht betroffen. Das ruiniert die Erinnerung.

Im Massenmord der Nationalsozialisten wurde die "elementare und fundamentale Qualität unseres Menschseins... radikal in Frage gestellt" (Jörn Rüsen, in: D. Hoffmann [Hg.], Das Gedächtnis der Dinge, 1999, 338).

Den echten, jetzt noch schmerzenden Schmerz über diese Tatsache unserer jüngeren deutschen Vergangenheit gibt es nur dort, wo das Individuum erkennt, dass es bleibend in diese Geschichte involviert ist; wo es begreift, wie wenig es schon einmal gegolten hat, d.h. wie wenig es möglicherweise auch heute oder künftig zählt. „Erinnerung“, sagt Johann Baptist Metz, „ist eine Kategorie der Rettung von Identität“ (Glaube in Geschichte und Gesellschaft (GGG), Mainz 51992, 178).

Die Elementarverbrechen gegen die Juden sind nicht zufällig in einer christlichen Zivilisation geschehen: Das Christentum hat die Stereotypen des abendländischen Judenhasses geliefert – weil es vergessen hatte, dass Jesus Jude war.

Auschwitz ist die Konsequenz eines säkularisierten, politisierten und biologisch missverstandenen christlichen Totalanspruchs. In der kranken Phantasie derer, die die Endlösung planten, staut sich strukturell die jahrhundertealte christliche Wut über die "treulosen Juden", wie es in den alten Karfreitagsfürbitten noch bis 1976 hieß.


Vergeben?
Vergebung ist nur möglich, wo Schuld und Verbrechen nicht vergessen, weggewischt oder mystifiziert werden, sondern wo sie aufgedeckt, also im Gedächtnis behalten und weitergesagt werden, d.h. wo die Täter als Täter erkennbar bleiben. Erinnerung ist die Bedingung der Vergebung und Vergebung die Hoffnung der Erinnerung auf einen Neuanfang.

Ob die Erinnerung fremden Leidens nicht unbeherrschbar gewordene Verhältnisse zwischen Ethnien, Kulturen und Religionen aufbrechen und den Teufelskreis der egoistischen Selbstbezüglichkeiten sprengen könnte?

Ob nicht ein zur politischen Kultur gewordenes Leidensgedächtnis die Vernunft vernünftiger im Sinne von "vernehmender" macht und das bloße Herrschafts- und Beherrschungswissen mit jener Sensibilität für das Fremde, Entfremdete, Unterlegene, "Unbrauchbare", also mit jener gedächtnisgestützen Weis-heit zu inspirieren vermag, aus der die jüdische aber auch die christliche Tradition ihre eigentliche Kraft schöpft?


Merke

„Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele“ (Nicolaus de Malebranche). Das aufgeklärte, nachreligiöse Europa hatte in der „Empfindsamkeit“ und Leidenssensibilität (Georg Büchner, Ludwig Feuerbach), stets seine stärksten Antriebe gefunden.

Es hatte aber auch, wo es nicht „aufmerksam“ war (und nicht an der Seite der Juden stand), seine fürchterlichsten moralischen Katastrophen erlebt. Hier tritt noch einmal die ebenso faszinierende wie erschreckende europäische Geschichte vor Augen, deren Kinder wir sind, deren verantwortliches, von niemand anderem als uns selbst zu übernehmendes Gedächtnis wir sind.

 

 

 
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08.11.2007 | Letzte Aktualisierung: 15.02.2010
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