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Weitere 'Reflexionen'
'Kristallnacht' (9./10.11.)

 
Kirchen- und GotteskriseSchriftgröße

GEHEN - Sieben Gründe

Vorbemerkungen:
1. Wenn ich mich im ersten Teil dieser Überlegungen kirchenkritisch äußere – um zu verstehen, warum Christen die Kirche verlassen –, so nicht, um mich gegen die Kirche zu wenden. Ich halte die Fähigkeit zur "Scheidung" und "Unterscheidung", also zur Kritik, für Früchte desjenigen Geistes, den alle mit der Taufe empfangen haben und der in der Kirche leben dürfen muss, wenn die Kirche leben können will. Noch immer sind Kritik- und Konfliktfähigkeit Grundvoraussetzungen für stabile und prosperierende Unternehmen.

2. Ich übersehe nicht, dass es eine Verheißung, ja so etwas wie eine Zukunftsgarantie für die Gemeinde Jesu gibt, die die "Pforten der Hölle" bekanntlich nicht überwältigen werden. Aber gerade wegen dieses Versprechens sollte der ungeschönte Blick auf die kirchliche Realität in Geschichte und Gegenwart möglich sein. Nur ziel- und chancenlose Betriebe haben Grund zur Angst.

3. Indem ich mich auf die Kirche konzentriere, verkenne ich nicht, dass Gründe für die gegenwärtigen Austrittswellen gerade auch bei den Menschen selbst liegen, z. B. ihrer religiösen Gleichgültigkeit. Aber dies wird kirchlicherseits so oft und oft so moralisierend betont, dass ein Wechsel der Perspektive durchaus hilfreich sein kann. Auch gerechter.
 
Paul Dominikus Hellmeier OPfr. P. Dr. Tiemo Rainer Peters OP ist Hamburger und gehört unserem Konvent an.
Seit über 30 Jahren lehrt er als Akademischer Rat an der Katholisch-
Theologischen Fakultät der Universität Münster.
Veröffentlichungen auf dieser Homepage

I.
Viele scheinen die Kirche zu verlassen, weil diese sich zu wenig anpasst, zu wenig flexibel ist. Tatsächlich kann kein Organismus ohne Anpassungsleistungen überleben, was nicht nur für die Dinosaurier gilt. Ohne die Fähigkeit zur Anverwandlung und Modernisierung dürften erst recht soziale Gebilde der Versteinerung und "Verkalkung" erliegen. –

Es gibt Erstarrungen und Verspätungen in der Kirche, die den Zeitgenossen schlechterdings nicht mehr zu vermitteln sind. Die sakramentale, theologische und strukturelle Benachteiligung der Frauen gehört dazu.

In defensiver Ängstlichkeit versucht die Kirche zu retten, was doch nur in "offensiver Treue" (Metz) zu bewahren ist: Identität – und riskiert auch noch die Lacher gegen sich zu haben: Als Papst Johannes Paul II. sein Verdikt über das Frauenpriestertum damit begründete, dass Jesus keine Frauen in seinen Jüngerkreis berufen habe, sinnierte eine deutsche Tageszeitung, ob man seine Heiligkeit daran erinnern dürfe, dass Jesus auch keine Polen erwählt hatte...

II.
Die christliche Kirche, die seit ihren Anfängen dörfliche Atmosphäre vermittelt, gleichwohl aber fähig war (Paulus!), sich produktiv in die Stadtkulturen von damals einzubringen, tut sich heute schwer, der modernen, aufgeklärten, bürgerlichen Kultur offen und inspirativ zu begegnen.

Gibt es nicht immer noch zu viel „Stallgeruch“ in der katholischen Moral, zu viel an Aussaat und Wachstum orientierte ländliche Metaphorik in der Verkündigung, zu viel dörfliche Enge und Ängstlichkeit in den Gemeinden (Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten)?

Werden nicht ganz generell Naturprozesse zulasten sozialer Prozesse betont, mit den bekannten Folgen: Dass die Kirche angesichts der Menschenmilliarden und ihrem Elend (Armut, Bevölkerungsexplosion, Aids etc.) peinlich verstummt? Allerdings: Überbevölkerung ist ein Verteilungsproblem!

III.
Das jüngste Konzil hatte sich besonders mit der Kirche, der Liturgie und Pastoral beschäftigt. Bei allem Willen zur Erneuerung ein durchaus problematischer Versuch, der epochalen Glaubenskrise bzw. „Gotteskrise“ rein liturgie- und pastoralstrategisch (heute kommt noch hinzu: werbestrategisch) beikommen zu wollen.

Wenn wir solche Strategien scheitern sehen, so liegt das eben auch daran, dass die Krise, in der das Christentum steckt, offiziell zu wenig offen eingestanden, zu wenig tief erfasst und zu wenig mutig angegangen wird – schon damals auf dem Konzil und erst recht heute in einer Kirche, die sich nicht einmal mehr auf konziliarem Niveau halten zu können scheint.

IV.
Die „Gotteskrise“, mit der wir es zu tun haben, ist alt – viel älter, als die Kirchenaustrittsbewegungen dieser Jahre. Sie reicht zurück in die Zeit der Aufklärung, wo das Offenbarungswissen in die Schranken der Logik, der Philologie und der Historie verwiesen werden sollte.

Ein Prozess, der weitgehend akademisch ablief, ohne die Basis der Glaubenden zu erreichen. Darüber wachte die Kirche ("Zaunöffentlichkeit"). Um aber diese hegende Funktion weiterhin ausüben zu können, fehlt ihr heute, zumindest in unseren Breitengraden, das, was durch Wissenschaften und Medien inzwischen fast gänzlich zum Verschwinden gebracht worden ist: der einfache, gehorsame Gläubige.

Menschen sind nicht mehr naiv, und in genau diesem Sinne sind sie auch nicht mehr einfach "gläubig", also auch nicht mehr leicht in der Kirche zu halten. Sie holen nun nach, was ihnen so lange vorenthalten wurde: Mündigkeit. –

Hoffentlich verlieren sie diese nicht sofort wieder, weil sie nun nichts mehr haben, an dem sie sie bewähren könnten. "Man muss lernen zu widerstehen, / nicht zu gehen, nicht zu bleiben, / zu widerstehen" (Juan Gelman).

V.
Die Austrittsbewegungen von heute haben nicht nur mit dieser unterschwelligen Wirkung der Aufklärung zu tun. Eine andere Erinnerung dürfte eine mindestens ebenso gravierende Rolle spielen, ebenfalls eher unbewusst, aber deshalb umso wirksamer: Das beispiellose Versagen der Kirchen im Dritten Reich.

Dietrich Bonhoeffer: "Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein". –

Dass sich die Kirchen nach dem Krieg sofort wieder in die politische Pflicht nehmen ließen, vereinfacht die Dinge nicht, denn nun brauchte an Erneuerung oder gar an ein Schuldbekenntnis nicht mehr wirklich gedacht zu werden. Das vergisst man besonders denen nicht, die ansonsten Schuld und Verfehlungen anderer nicht so leicht vergessen.

VI.
„Gott ist tot – wir haben ihn getötet". "Wir", das sind für Nietzsche die Christen selbst, die den Gottesgedanken nicht mit dem eigenen gelebten Leben verbinden und ihm dadurch im wahrsten Sinne des Wortes das Leben nehmen. –

Niemand geringerer als Karl Rahner hat in einer solchen Halbierung der Wahrheit (Halbierung, weil man im eigenen Leben nicht mehr lebt und bewahrheitet, was man glaubt) die verborgene, „kryptogame Häresie“ unserer Tage gesehen. –

Damit wird nicht behauptet, dass alle, die in der Kirche bleiben, in diesem Sinne Häretiker sind. Sehr wohl aber, dass man sich von der (gelebten) Wahrheit verabschieden und doch in der Kirche „bleiben“ kann und dass, umgekehrt, mancher aus der Kirche meint austreten zu müssen, um sich selbst treu zu bleiben.

VII.
Allgemein gilt (vgl. These I), dass sich die Kirche zu wenig anpasst. Die Kirche, die sich in einer vielfach begründeten institutionellen Schwäche befindet, ist aber auch umgekehrt dabei, sich in einem viel gravierenderen Sinne der Kultur und Gesellschaft unserer Tage anzugleichen.

Was hier gilt, bestimmt insgeheim auch Denken und Verhalten der Christen und Kirchen, die oft nur wiederholen und religiös umformulieren, was andernorts längst besser gesagt und entschiedener getan wird.

Vor allem scheint sich die Kirche zu selbstverständlich einzufügen in das Schema von Produktion und Reproduktion, Arbeit und Erholung. Kirche als Freizeitveranstaltung. Sie soll „ablenken, vertiefen, veredeln. Gottesdienst wird zur kirchlichen Feier unter dem Gesetz und Diktat des Alltags.

Was der Alltagsmensch im Drang, sein Leben zu überhöhen, von der Kirche erwartet, tut sie auch. Hier fühlt sie sich unentbehrlich. Dabei werden die Kirchen leerer und die Kinos voller... " (Bonhoeffer). –

Dass die meisten die Kirche verlassen, weil diese noch viel zu wenig Bestätigung, Unterhaltung oder „Seelenmassage“ für Gestresste bietet, macht die Krise nur umso kompletter.


BLEIBEN - Zehn Argumente

Vorbemerkung:
Ich werde nicht so töricht sein, Argumente für das Bleiben in der Kirche anzubieten, von denen jeder sofort merkt, dass sie nur der Selbstverteidigung dienen, in Wirklichkeit aber nicht mehr tragen, vor allem mich selbst nicht mehr tragen.

Indem ich die entscheidenden Gründe für ein Bleiben zu benennen versuche, werde ich möglicherweise weitere Kohlen auf ihr, der Kirche, Haupt häufen – als Zeitgenosse und Glaubender, der das Zentral-christliche und die Herausforderungen von heute wahrzunehmen und zu artikulieren versucht.

I.
Ich bleibe, weil ich getauft bin, getauft bin. Ich finde mich bereits in einem religiös-kulturellen Kontext vor, den ich nicht selbst gewählt habe, und als ich in die Situation kam, darüber nachzudenken, war ich schon in ihm erzogen, geprägt, geformt, verformt, wie auch immer.

Ich bliebe ihm selbst dann noch innerlich verbunden, wenn ich ihn ablehnte und durch die Art, wie ich ihn ablehnte. Vielleicht holt er mich sogar erst dann richtig ein, wenn ich glaube, ihm endgültig entkommen zu sein: Man täusche sich nicht über die bleibende – negative – Kirchenbezogenheit derer, die die Kirchen verlassen haben!

Also bleibe ich in der Kirche, weil die Kirche so oder so in mir bleibt, weil sie mir in den Knochen stecken wird, ob ich das will oder nicht, ob ich es weiß, oder nicht, und je mehr ich mich gegen die Kirche in mir aufbäumen würde, um so heftiger bliebe ich von ihr abhängig. Eine notorische „Beziehungskiste“. –

Dieser These muss sogleich eine zweite, verdeutlichend und weiterführend, an die Seite gestellt werden:

II.
Viele treten aus der Kirche aus, nicht aber aus der Religion! Die säkulare Gesellschaft, von der sie empfangen werden, ist ja alles andere als nachreligiös oder religiös neutral.

Schon der Soziologe Max Weber hatte zu Beginn des Jahrhunderts Zusammenhänge zwischen Protestantismus und Kapitalismus festgestellt. Er sprach von "innerweltlicher Askese", dort, wo eine rigorose Sparsamkeit zur Anhäufung des Besitzes führt – auf Kosten eigenen Glücks und persönlicher Erfüllung.

Dieses Ziel, dem alles geopfert wird, war einmal das zukünftige Gottesreich. Jetzt, im gerade sich wieder erneuernden Kapitalismus, ist es das Pochen auf immer mehr, für immer weniger Privilegierte. Ich bleibe in der Kirche, weil in ihr, wie zaghaft und anfänglich auch immer, die Hoffnungen der Menschen vertreten und verteidigt werden – global, über alle Privilegierungen hinaus.

III.
Man würde die Phänomene unterschätzen, wollte man in der „innerweltlichen Askese“ nur ein Nachbeben der überwundenen Religion sehen. Sie ist Zeichen des Scheiterns, der „Entgleisung“ (Habermas) der Moderne selbst.

Die Neuzeit, die den weltenthobenen Gott im Zuge ihrer Aufklärung und Kritik stürzen und die Verhältnisse radikal verdiesseitigen wollte, konnte das Verlangen nach Transzendenz nicht befriedigen und nicht die Angst vor Endlichkeit und Tod beruhigen.

Sie musste neue Transzendenzen und Götter schaffen, und tut es noch immer: "Blut und Boden", d.h. völkisch-nationale Identität in der jüngeren deutschen Geschichte; "ethnische Reinheit" und die damit verbundene "heilige" Bereitschaft zu töten und zu sterben; die krude Gewalt vieler Jugendlicher heute, von welcher der Schriftsteller Botho Strauss meinte, sie entspreche einer verdrängten "Kultleidenschaft" der Menschen; oder die gegenwärtige Körperkultur mit ihren Fitness- und Wellnessbedürfnissen; und dann erst die „neureligiösen“ Religionen, zusammengezimmert aus allen möglichen Kulturen, so, wie es jeder gerade braucht.

Elias Canetti: „Am unerträglichsten wäre ein Gott, der so wäre, wie man ihn sich wünscht.“ – Dann lieber mit Wut und Courage in der Kirche bleiben, wo mir Transzendenzen und Absolutheiten zugemutet, aber nicht klammheimlich untergejubelt oder zur Auswahl gestellt werden; wo mir das Göttliche in seiner Sperrigkeit und herausfordernden Anstößigkeit begegnet – nicht als das pseudoreligiöse Gift, mit dem ich mich selber betrüge bzw. die moderne Zivilisation mich zu betäuben versucht, um von ihren eigenen Schwächen abzulenken.

IV.
Auch der amerikanische Sozial-Psychologe Richard Sennett sieht in der narzisstischen Ichfixierung der heutigen Menschen, in ihrer Unfähigkeit zur Kommunikation und zu echtem Mitleiden eine säkularisierte Religion am Werk.

Menschen leben in zellhafter und oft selbstzerstörerischer Isolierung, wie Mönche, denen man das Christentum genommen und die Klosterregel gelassen hat. Zwanghaft und dauergestresst streben sie nach Vollkommenheit: ewiger Jugend und andauerndem Glück.

Auch "eingekleidet" werden sie, wie Nonnen, aber unauffällig, nach den Vorschriften irgendwelcher Mode-Zaren. Sie werden so zur Beute hochkommerzialisierter Interessen, die ihre Befehle unerkannt und undiskutierbar ergehen lassen und nichts anderes als "Gehorsam" verlangen, wie Kirchenfürsten, nur dass den letzteren, also den jetzigen Kirchenführern, dieser totale Gehorsam längst verweigert und um die Ohren geschlagen wird. –

Ich bleibe in der Kirche, die ihren Autoritätsanspruch wahrlich nicht verschleiert, die mir aber genau dadurch einen Maßstab bietet, mit dem ich die Zeichen der Zeit, die Verhältnisse (auch in der Kirche!) und mich selbst kritisch betrachten und einschätzen kann.

V.
Sennett führt die beschriebenen Erscheinungen auf den Verfall jener durch und durch politischen Kultur zurück, die einmal die herrschende Macht unter die Kontrolle vernünftiger Kritik zu bringen vermochte und so eine wirkliche Öffentlichkeit mit ihren Journalen, Salons und Diskussionszirkeln möglich gemacht hatte.

In dieser Zeit leben wir ganz offenbar nicht mehr, wir tun es so wenig, dass Hans Magnus Enzensberger von einer „zweiten Unmündigkeit“ spricht. –

Kirche ist zwar kein Ort aufgeklärter Öffentlichkeit; man kann sie sogar als eine vormoderne Institution begreifen, mit einem immensen Nachholbedarf an kritischem Bewusstsein und Konfliktverarbeitungskompetenz.

Aber damit gibt sie sich – für Wohlmeindende und „Feinschmecker“ – doch als eine Institution zu erkennen, die noch etwas nachholen und neu einüben könnte, was andernorts längst hoffnungslos verdorben und verloren zu sein scheint.

Um solche Prozesse innerhalb und außerhalb der Kirche mit in Gang zu setzen, um den Glauben als Element öffentlicher Verantwortung und Kritik neu buchstabieren zu lernen und mich selbst vor den verheerenden Wirkungen der kaputten und korrupten "Öffentlichkeit" von heute besser schützen zu können, bleibe und arbeite ich in der Kirche, auch wenn es sie nicht immer amüsiert.

VI.
Ich bleibe in der Kirche, weil die Kirche in ihrer teilweise vormodernen Hilflosigkeit und Unbedarftheit mich braucht. Sie hat mich ja, indem sie mich getauft hat, nicht mit Blindheit ge-genüber ihren eigenen Fehlern und Halbherzigkeiten schlagen wollen, ganz im Gegenteil: Sie hat mich mit genau demjenigen Geist ausgestattet, der mich zu ihrem unverwechselbaren und eigenständigen Mitglied macht.

Mit einem Geist also, durch den ich geistlich bin, ob ich Geistlicher bin oder nicht, der mich instand setzt, gegen die Geistvergessenheit in der Kirche und andernorts immer wieder anzugehen.

Es gibt keine wichtigere Instanz dafür als mich, als uns. Noch immer wird das Credo laut und öffentlich im Singular, also in der ersten Person – meiner eigenen! – gesprochen.

VII.
Obwohl ich die Kirche in ihrer Ungleichzeitigkeit zur Moderne, z.B. ihrer demokratischen Zurückgebliebenheit, kritisch, manchmal entsetzt wahrnehme, kann ich etwas an ihr nicht übersehen, was sie dieser Moderne gegenüber auszeichnet und eindeutig überlegen sein lässt: Ihre Traditionen, ihre Literaturen, ihre Erinnerungen, Riten und Symbole.

Dies zu sagen, führt in der Regel bereits zu Widerspruch und Unmut, weil viele die Traditionsbezogenheit der Kirche zum eigentlichen Argument gegen sie gemacht haben.

Aber alles Denken ist „rhapsodisch“ (Kant), stammt also aus Erzählungen, die man kennen müsste, wenn man das Denken verstehen will. Die christliche Religion ist ein Exerzitium solcher Traditionen und Erinnerungen.

Sie weist zurück auf das, woher wir kommen, was wir erhoffen und was auf dem Weg dieser Hoffnung erlitten und vernichtet wurde – lauter Dinge, die heutzutage ausgeblendet und verborgen werden. Ich soll all das nicht mehr wissen, es stört nur.

Geschätzt wird der sofortige, unmittelbare Genuss, das rasche Glück, die schnelle Anwendung, der rasche Vollzug – für mich entschieden zu wenig. Auch deshalb bleibe ich in der Kirche, obwohl sie, sozusagen bis zu den Zähnen bewaffnet, ihre Traditionen manchmal traditionalistisch, ja fundamentalistisch verteidigt und mich dadurch immer wieder brüskiert.

Aber dass sie selbst dann noch gegen die Vergesslichkeit angeht, die ich für viel verheerender halte als die Traditionsfixiertheit, ist mir Grund genug, auf sie zu hören und mein Gedächtnis ebenso wie meine Hoffnungen zu schärfen.

VIII.
Ist das Christentum eine Ruine, wie viele meinen – und sie können ja auch gewichtige Gründe angeben –, angefressen vom Wurm der Geschichte, baufällig und nicht mehr zu retten?

Oder haben wir es hier nach wie vor mit einem Anfang zu tun, dem „Anfang eines Anfangs“ (Rahner), kaum dass die Fundamente richtig gelegt sind? Diese Meinung möchte ich vertreten, selbst wenn die historische Vernunft standesgemäß protestiert und Schlussstriche zieht.

Ich bleibe in der Kirche, weil ich mich nicht halbverrichteter Dinge von der "Baustelle", die sie immer noch ist, davonstehlen kann und will. Ich mag Baustellen, mag das Unfertige, Fragmentarische, erst recht dann, wenn sich der göttliche Baumeister hier selbst zu erkennen gibt: "auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen" (Mt 16, 18).

Kirche ist nur im Futur angemessen auszudrücken, in jener Zukunftsform Gottes, die sie auch wieder überflüssig machen wird: Der Seher der Geheimen Offenbarung sieht so etwas wie einen Tempel oder eine Kirche am Ende bekanntlich nicht (vgl. Offb 21, 22).

IX.
Ich bleibe in der Kirche, weil ich in das Geheimnis von Tod und Auferstehung hineingetauft bin und damit einer denkbar radikalen Perspektive unterstehe, die mein Leben vor Mittelmäßigkeit, Gleichgültigkeit und Langeweile schützen kann.

Dietrich Bonhoeffer schrieb unmittelbar nach dem gescheiterten 20. Juli, als ihm jegliche Überlebenshoffnung genommen war:

Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr die tiefe Diesseitigkeit des Christentums kennen und verstehen gelernt…
Nicht die platte und banale Diesseitigkeit der Aufgeklärten, der Betriebsamen, der Bequemen oder der Lasziven, sondern die tiefe Diesseitigkeit die voller Zucht ist, und in der die Erkenntnis des Todes und der Auferstehung immer gegenwärtig ist, meine ich.

Indem ich auf den Tod und die Auferstehung getauft bin und dies bewusst zu realisieren versuche – das meint ja mein Bleiben in der Kirche! –, wächst meine Chance, das Leben in Fülle wahrzunehmen und auszukosten, d.h. in einem schlechterdings nicht mehr zu verschärfenden Ernst zu leben.

Was wäre wichtiger! Weil ich mich vor der hektischen Betriebsamkeit und Banalität derer fürchte, die alles hinter sich gelassen haben, was sie an diesen Lebensernst erinnert, um vielleicht kopfüber in der "Erlebnisgesellschaft" unterzutauchen; weil ich also die ganze Wirklichkeit suche, bleibe ich in der Gemeinschaft der Getauften – „aufgetaucht" wohlgemerkt, d.h. endlich zur Welt gekommen.

X.
„Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater“ (Joh 14, 12). „

Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut.

Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15, 15).

 

 

 
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18.02.2008 | Letzte Aktualisierung: 15.02.2010
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