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Meister Eckhart
Meister Eckhart war ein Predigerbruder. Als wagemutiger Mystiker bekannt, war er stets auf der Suche nach inniger Vereinigung mit dem lebendigen Gott, ohne dabei eine bestimmte Methode oder ein vorgegebenes Modell anzuwenden.
Er kam in den heute schwer verständlichen und in seiner Auslotung verwirrenden Ruf, Wüste der Gottheit" zu sein. Der Schlüssel zum mystischen Abenteuer Eckharts liegt in seiner Berufung zum Predigerbruder: In der theologischen und geistigen Tradition von Dominikus, Albert dem Großen und Thomas von Aquin setzt er sich bedingungslos für das apostolische und gemeinschaftliche Leben seines Ordens ein.
Eckhart war Prior, zweimal Provinzial und Vikar des Ordensmeisters für die Frauenklöster in Deutschland. Er lehrte am Studium generale in Köln und an der Universität in Paris. Dort erhielt er eine Ehrung, die bis dahin nur Thomas von Aquin zuteil geworden war.
Daneben hielt er seinen Brüdern und Schwestern zahlreiche Predigten. Ihn selbst, wie viele seiner Zeitgenossen, bewegte ein inneres Suchen. In origineller Ausdrucksweise bemühte er sich, diesem Drang ein theologisches Fundament zu geben: die Suchenden sollen sich in Gott werfen'.
In den verschiedenen Klöstern feierte er mit seinen Brüdern und Schwestern gemeinsam die Liturgie des Ordens; ein Echo davon finden wir in seinem Werk. Im Rahmen seiner Funktionen musste er viel Zeit darauf verwenden, um Konflikte und schwierige Situationen zu lösen; die Einen galt es zu ermuntern, die Anderen zu ermahnen, um so das Gemeinwohl zu fördern.
Inmitten all dieser Aktivitäten im Dienste des Ordens - nicht etwa zurückgezogenen oder gar randständig - hat er seine intensive und inspirierende mystische Suche gelebt.
Mehrere Predigten für Moniales (Nonnen) sind uns bis heute erhalten geblieben. Sie stammen aus der Zeit in Straßburg (1313-1323), als Eckhart dort im Auftrag des Ordensmeisters für alle Schwesternklöster (Moniales) der Provinz Teutonia zuständig war.
Die Aufgabe war beschwerlich, denn es galt etwa 175 Frauenklöster und Beginenhäuser zu betreuen. Seine Arbeit bestand darin, die Klöster zu besuchen, den religiösen Geist und die Gesundheit der Gemeinschaft zu überprüfen sowie sie bei Entscheidungsfragen zu beraten.
Wenn Eckhart bei den kontemplativen Schwestern weilte, konnte er sich ungehindert über sein eigentliches Anliegen äußern: 'Auf welche Weise können wir zu einer tiefen und freien Einheit mit Gott gelangen?'
Im Rheintal ballten sich zu Eckharts Lebzeiten lebendige spirituelle Zentren, vor allem Niederlassungen des Dominikanerordens. Die Brüder und Schwestern wetteiferten miteinander um den besten Weg der Heiligkeit. Ihr Hunger nach mystischer Erfahrung lässt uns heute erstaunen.
Auch Laien beiderlei Geschlechts schlossen sich dieser Bewegung an und bildeten einige Jahre nach Eckharts Tod Gemeinschaften der "Freunde Gottes". Ein großer Teil der Predigten von Johannes Tauler, dem Schüler Meister Eckharts, war an sie gerichtet.
Im Herzen der Stadt Colmar befanden sich damals eng benachbart zwei Klöster. Das eine hatte sich durch die rege Tätigkeit der Predigerbrüder zu einem Zentrum der Deutschen Mystik entwickelt. Das andere, Unterlinden, bewohnten Dominikanerinnen. Wir wissen, dass Eckhart es oft besucht und dort gepredigt hat.
Im städtischen Archiv findet sich heute noch ein Hinweis auf eine kanonische Visitation, die Eckhart durchgeführt hat. Während die Gebäude dieses Klosters heute ein Museum beherbergen, führt eine Schwesterngemeinschaft die lange Tradition des dominikanischen kontemplativen Lebens im Elsass im Kloster des heiligen Johannes des Täufers zu Unterlinden in Orbey weiter.
Deshalb ist es besonders bemerkenswert und erfreulich, dass diese Einführung in das geistliche Werk unseres Mitbruders Eckhart die Handschrift von Suzanne Eck, Dominikanerin des Klosters Unterlinden, trägt.
Es wurde viel über Eckhart geschrieben, vor allem in den letzten Jahren. Oft sind die Einführungen und Kommentare zu seinem Werk das Resultat langer Universitätsstudien. Sie heben den Wert bestimmter Punkte der Metaphysik Eckharts hervor.
Andere Veröffentlichungen versuchen, den mittelalterlichen Predigerbruder als modernen Mystiker darzustellen, der die engen Grenzen der Religion überwindet, um sich in die Tiefe des Göttlichen zu versenken. Dabei werden mögliche Verbindungen zwischen seinem Weg und den geistlichen Wegen des Orients hervorgehoben. Suzanne Eck zeigt hier einen anderen Zugang.
Sie lädt uns ein, bei Meister Eckhart vor allem die Stimme des Christen und Predigerbruders zu hören, der von seiner Leidenschaft für Gott spricht. Sie hält sich nicht bei den eher spekulativen Teilen seines Werkes auf, die mehr als einen Leser zurückgeschreckt haben.
Sie hört hin und betrachtet die Predigten ihres Mitbruders im Glauben und aus dem Blickpunkt des dominikanischen Lebens, so wie es eine beschauliche Schwester kann. Sie hört dabei einen großartigen Aufruf zur Freiheit und zur totalen Selbsthingabe an Gott.
Verschiedene Akzente in Eckharts Predigtwerk sind auch jene der dominikanischen Spiritualität. Da ist einmal der Sinn für die Größe Gottes, seine Herrlichkeit und seine Barmherzigkeit - Prediger der Gnade", sagte man vom heiligen Dominikus, für den das Antlitz Gottes, das sich in Jesus offenbarte, vor allem jenes der compassio Gottes ist.
Für Eckhart bleibt Gott, der vergibt und die Menschen zutiefst respektiert, uns immer nahe, auch wenn wir uns entfernen: "Denn es ist schade für den Menschen zu glauben, Gott sei ihm fern. Ob der Mensch nahe oder fern ist, Gott selbst entfernt sich nie. Er bleibt immer in der Nachbarschaft."
Mit diesem Sinn für die Größe und die Nähe Gottes ist auch das Geheimnis der Schöpfung und der Menschenwürde verbunden.
Es ist kein Zufall, dass die Gruppen, die aus dieser geistlichen Bewegung hervorgingen, "Gottesfreunde" genannt wurden. Die Freundschaft mit Gott ist das Herz unserer dominikanischen Spiritualität. Sie inspiriert unsere geschwisterlichen Beziehungen und die Form unserer Ordensleitung. Freundschaft schließt Herrschaft und Angst aus; sie achtet auf die
Würde des Anderen.
Um sich zu entfalten, braucht sie Freiheit. Alle diese Züge finden wir in der Art und Weise, wie Eckhart die Beziehungen zwischen Gott und den Menschen darlegt; er lehnt jeden religiösen Kuhhandel und jeden unterwürfigen Götzendienst ab. Das Bild eines Gottes, der diskret hüstelt, um uns seine Anwesenheit kundzutun, ist wunderbar.
Suzanne Eck hebt auch die Verbundenheit unseres Predigerbruders mit Christus hervor, etwa in seiner Sorge, ihm in allen Dingen zu folgen. Sie lädt uns ein, die abstrakten Seiten über die Gottheit als Meditation über unsere Beziehung zu Christus als Freund zu lesen oder als Anleitung für die Novizen, um mit deren Hilfe einen neuen Zugang zur Eucharistie zu finden.
Wir können das geistliche Leben unseres Mitbruders Eckhart nicht von seiner Suche nach Wahrheit mit Hilfe der philosophischen und theologischen Reflexion trennen. Für unsere Tradition ist dieses Anliegen, kontemplatives und intellektuelles Leben zu verbinden, zentral. Heute ist die Gefahr groß, das Eine auf Kosten des Anderen zu wählen, was zu einer verdorrten oder unvernünftigen Spiritualität führt.
Gott lässt sich mit unserem ganzen Wesen, mit all unseren vernunftmäßigen und gemütvollen Kräften finden. Das Gemüt allein, und wäre es auch das großzügigste, genügt nicht. Auch die Vernunft allein, selbst wenn sie die subtilste wäre, führt nicht zum Ziel.
Eckhart hat den geistlichen Weg, den er und andere gegangen sind, ausführlich dargelegt, um dem Ganzen einen festen Grund zu geben. Als Menschen brauchen wir es, unseren Weg verstehen und benennen zu können. Diese Aufgabe ist schwierig und muss zu jeder Zeit neu angegangen werden.
Auch Eckhart ist manchmal an die Grenzen der Sprache gestoßen. jeder geistlichen Erfahrung widerstrebt es, in Kategorien eingeschlossen zu werden, doch kann sie nicht wachsen, ohne sich frei in Bildern und Ideen zum Ausdruck zu bringen, auch wenn die oft zerbrechlich sind.
Eckhart zeugt von einer geistigen Gesundheit ohne Kleinlichkeit und ohne Voluntarismus. Er kann sich am Geheimnis Gottes und seiner Schöpfung freuen und trotzdem die Augen vor dem Risiko der Täuschung und der Flucht, das jedes geistliche Abenteuer mit sich bringt, nicht verschließen.
Die Liebe zu Gott und dem Nächsten, diese radikale Liebe, bleibt für ihn das höchste Gut, dem er sich ganz hingibt. Eckhart sagt nicht alles und hat auch nicht Antworten auf alle unsere Fragen der Gottsuche. Aber er ist ein strahlender Zeuge des Lichtes, das in jedem von uns aufleuchtet als unentgeltliches Geschenk und eigentliche Anwesenheit des Wortes des Lebens.
Quelle:
Suzanne Eck: "Werft euch in Gott". Einführung zu Meister Eckhart. Aus dem Französischen von Alexandre Meichler u.a. mit einem Geleitwort von Timothy Radcliffe OP [= Bd. 5 der Dominikanischen Quellen und Zeugnisse] Leipzig 2004, S. 9-13
Literatur zu Meister Eckhart
Wer sich in Meister Eckhart einlesen möchte besorge sich:
Textauswahl von Joseph Quint: «Meister Eckehart, Deutsche Predigten und Traktate» (Hanser Verlag, München 1955, 1963, 1978, und Diogenes Verlag, Zürich 1979)
Karin Johne (aus der ehemaligen DDR): «Meister Eckhart, Ewigkeit inmitten der Zeit» (Reihe «Klassiker der Meditation», Benziger Verlag, Zürich 1983 u. 1992) sowie: «Einübung in christliche Mystik, Kursus mit Meister Eckhart» (Styria Verlag, Graz 1991).
Suzanne Eck: "Werft euch in Gott". Einführung zu Meister Eckhart. Aus dem Französischen von Alexandre Meichler u.a. mit einem Geleitwort von Timothy Radcliffe OP [= Bd. 5 der Dominikanischen Quellen und Zeugnisse] Leipzig 2004, S. 9-13
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